Bürgerinitiative Mobilfunk Burgholzhof, Stuttgart (BüMoB)

Kinderfreundlich, grün, gesunde Luft – so wird der Burgholzhof „vermarktet“, einer der jüngsten Stadtteile Stuttgarts mit rund 2500 Einwohnern.
Gezielt siedelt die Stadt hier mit Förderprogrammen junge Familien mit Kindern an.

Den Burgholzhof erkennt man schon von Weitem. Denn neben dem gut sichtbaren hölzernen Aussichtsturm steht auf dem benachbarten US-Gelände ein rund 50 Meter hohen Gittermastturm.

Mobilfunkmast Burgholzhof


Bis an den Turm heran wurden Miet- und Eigentumswohnungen gebaut. Dass an dem Mast neben amerikanischen Anlagen auch GSM- und UMTS- Mobilfunksendeanlagen des Betreibers Vodafone hängen, die direkt auf die benachbarten Häuser ausgerichtet sind, wurde Mietern und Käufern jahrelang vorenthalten. 

Bald nach dem Einzug in eine 90 Meter vom Turm entfernte Eigentumswohnung im Obergeschoss klagten die Bewohner über massive Schlafstörungen, Herzrasen, starke Kopfschmerzen, Gedächtnisstörungen und Unruhezustände. Von einem Tag auf den anderen hatte sich ihre Lebensqualität massiv verschlechtert.
Sie konnten sich die Ursache zunächst nicht erklären, denn beim Kauf der Wohnung von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (SWSG) hatten sie den Verkäufer mehrfach gefragt, ob sich an dem Stahlgittermast Mobilfunk- oder andere Sendeanlagen befinden würden. Die Antwort immer wieder: „Nein. Keine Sendeanlagen. Da sind nur Empfangsanlagen dran.“
Eine Anfrage bei der Bundesnetzagentur ergab dann, dass sich an dem Mast schon seit 2002 eben auch jene GSM- und UMTS -Anlagen befinden. Mehrere Messungen in der Wohnung ergaben ungewöhnlich hohe Strahlungswerte.
Die Mobilfunksendeanlagen - offenbar gezielt verschwiegen. Denn nicht nur der SWSG-Verkäufer hatte allen Käufern gegenüber immer wieder behauptet, am Mast befänden sich keine Sendeanlagen.
Auch im Stadtplanungsamt lag bis 2006 ein Gutachten aus, in dem von einer geringen Belastung auf dem Burgholzhof die Rede ist, da sich keine Mobilfunksendeanlagen in der Nähe befänden. Der Trick: Dieses Gutachten wurde ganz kurz vor Inbetriebnahme der Sendeanlagen erstellt, sie waren zum Zeitpunkt der Messungen bereits genehmigt und der Stadt bekannt. Trotzdem lag das veraltete Gutachten noch vier Jahre lang aus - Architekten, Bauträger und viele Bewohner des Burgholzhofes haben sich darauf verlassen.

Mit diesen Fakten konfrontiert, tauchte die stadteigene SWSG zunächst völlig ab und die verantwortlichen Bürgermeister der Stadt Stuttgart erklärten sich schnell für nicht zuständig.
Niemand will etwas gewusst haben. Bei der SWSG >> hat man das Problem Mobilfunk am Burgholzhof später zu den Akten gelegt.

Am 16. Mai 2006 organisierten einzelne Anwohner deshalb eine Informationsveranstaltung >> im Bürgerzentrum Burgholzhof, die sehr gut besucht war. Viele Anwohner erklärten dabei, sie seien auf ihre Fragen nach dem Turm hin beruhigt und auf das veraltete Gutachten verwiesen worden. Von den Mobilfunksendeanlagen wusste niemand etwas, einige klagten jedoch über typische Beschwerden wie Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen seit sie auf dem Burgholzhof wohnen.

Am 31. Mai fand dann das Gründungstreffen der Bürgerinitiative Mobilfunk Burgholzhof (BüMoB) im Bürgerhaus statt. Zum ersten bundesweiten Mobilfunk-Aktionstag präsentierte sich die BüMoB der Öffentlichkeit mit einem Infostand am Bürgerzentrum.

Infotisch

Dort informierten wir über die möglichen Gefahren des Sendemastes für unsere Gesundheit und ließen gegen den Mobilfunk 99 Luftballons steigen.

Luftballonaktion

Ein Ingenieurbüro hatte aufgrund von Messungen  und den technischen Daten der Vodafone- Sendeanlagen eine Simulation.pdf (1 mb) >> über die Strahlungsbelastung auf dem Burgholzhof erarbeitet.

Den SPD-Umweltbürgermeister Mathias Hahn stellten Mitglieder der BüMoB bei der Eröffnung eines Kindergartens, der sich rund 120 Meter vom Sendemast entfernt befindet.  „Wir haben uns eben alle für Mobilfunk entschieden“, erklärte Hahn in dem einstündigen Schlagabtausch. Als politische Arroganz nicht weiter half, kam der Rückzug auf juristisches Terrain: „Dann klagen Sie doch!“. Interessanterweise erklärte Hahn: „Mir waren die Sendeanlagen von Anfang an bekannt.“

Um den Ärger los zu werden vermittelte uns Hahn ein Gespräch mit zwei Vertretern der Mobilfunkfirma Vodafone – es fand am 21. Juli 2006 statt.
„Wir sind gekommen, um Ihnen zu sagen, dass wir nicht bereit sind an diesem Standort etwas zu ändern.“ erklärten die beiden Vodafone- Vertreter. Besonders vorbereitet hatte sie sich für das Gespräch nicht. Ihre vorgelegten Pläne strotzten vor Fehlern, etwa falschen Entfernungsangaben und einem steinalten Bebauungsplan des Geländes. Auf die Forderung eines von uns hinzugezogenen Ingenieurs, dass man ohne Weiteres die starke Sendeleistung der Anlagen reduzieren könne, erklärten sie, nein, das komme nicht in Frage. Einen Monat später schickte Vodafone einen Messtrupp auf den Burgholzhof, der sich aber schnell aus dem Staub machte, als die beiden Mitarbeiter von einem Anwohner.pdf (7 kb) >> zur Rede gestellt wurden.

Da es unserer Ansicht nach Sache der Stadt und nicht der Bürger ist, sich mit Mobilfunkkonzernen auseinander zu setzen, wandten wir uns mit einer Postkartenaktion an OB-Schuster.

Postkarte


In zahlreichen Schreiben an Politiker im Rathaus, im Gemeinderat.pdf (169 kb) >>, im Bezirksbeirat forderten wir sie zum Handeln auf. An den Landtag haben wir eine Petition gerichtet. Reaktionen aus den Parteien blieben Mangelware – dabei war besonders das Auftreten der Grünen für uns enttäuschend. Nur die kleinste Fraktion, Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS) war bereit, eine Anfrage im Gemeinderat.pdf (771 kb) >> zu stellen.

Uns wurde auf dem Burgholzhof klar, dass wir uns auf unsere eigenen Kräfte verlassen müssen. Wir informierten mit einem Bürgerinfo.pdf (72 kb) >> darüber, dass Vodafone die Wohnhäuser stärker bestrahlt, als bisher angenommen. Außerdem sammelte die BüMoB Unterschriften im Stadtteil gegen die Sendeanlage und nahmen Kontakt mit der frisch gegründeten Bürgerinitiative im Stuttgarter Westen (Bismarckstr.) auf. Die Presse >> berichtete darüber.

Eine erste gemeinsame Aktion verschiedener Mobilfunkinitiativen Stuttgarts gab es am 20. September vor der Bezirksärztekammer in Degerloch. Damit protestierten wir gegen eine Propagandaveranstaltung der Mobilfunkindustrie für Ärzte, die als neutrale Fortbildung getarnt stattfand. Darauf folgte am 14. Oktober ein erstes Treffen von vier Mobilfunkinitiativen (Bismarckstr. Kaltental, Weilimdorf, BüMoB) bei uns auf dem Burgholzhof.

Als nächste Aktivität auf dem Burgholzhof luden wir die Bewohner am 22. November in das Bürgerzentrum zu einer Informationsveranstaltung >> mit der Biologin Heike-Solweig Bleuel zum Thema „Was macht der Mobilfunk mit unserer Gesundheit?“ ein.

Auch an unsere US-Nachbarn haben wir uns gewandt. Dem für das Wohngebiet der US-Streitkräfte und den Sendemast als Vermieter zuständigen US-General McKiernan in Heidelberg schrieben wir einen Brief.pdf (676 kb) >>, in dem wir darum baten, dass die Amerikaner ihre Zustimmung zur Nutzung des Antennenmastes durch Vodafone zurück ziehen. In seiner Antwort.pdf (82 kb) >> wies General McKiernan dies zurück und wies darauf hin, dies sei Angelegenheit der deutschen Behörden.

Am 16. Februar übergaben wir 400 Unterschriften vom Burgholzhof an OB Schuster – gemeinsam mit den Unterschriften der anderen Stuttgarter Mobilfunkinitiativen. Im Anschluss daran gab es eine 90-minütige Diskussion mit Schuster, Hahn und Vertretern des Gesundheitsamtes der Stadt.

Kontakt BüMoB

Philippe Ressing
Telefon 0711. 509 15 85
ressing@gmx.de